Ein Reisebericht


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Abgeschickt von Ursula Glöckner am 04 Oktober, 2003 um 09:07:19

Asterix und Korsika

„Ganz Gallien?“ – „Nein“, aber wenigstens das „gallische Dorf“ haben wir bei unseren diesjährigen Wanderungen auf Korsika erobert – die
schwierigste Etappe des GR 20, des alpinen Fernwanderwegs, auf dem man die Insel der Länge nach durchqueren kann und von dem wir jedes Jahr
ein Stück in Angriff nehmen (mangels Kondition meinerseits für die ganze Strecke).
Begonnen hatte das Ganze allerdings am 18.9. nach Flug
(Frankfurt-Calvi), Abholen des Leihwagens (Kosten 180 E für 1 Woche) und einer Fahrt durch das Ascotal, mit einer Wanderung durch das Tassinetatal (in 900/1000 m Höhe; zum Akklimatisieren). Der Weg führt unter Kiefern am Bachlauf entlang, vorbei an einigen wunderschönen natürlichen Badebecken.
Unser Quartier bezogen wir abends auf 1400m in der Gite des Skihotels "Le Chalet" (6,50 Euro; Mehrbettzimmer und Kochgelegenheit) in Haut
Asco, inmitten der höchsten Inselberge. Die Unterkunft war auch mit Halbpension buchbar (Frühstück und Abendessen im Restaurant).
Am nächsten Morgen brachen wir dann auf ins „Gallische Dorf“, einem Felsenkessel, der gesichert mit Ketten und Seilen durchquert werden muss (geübt hatten wir im Sommer auf den Klettersteigen des Hirschbachtals, aber das ist eine andere Geschichte...). Die Passage durch den „Cirque de la Solitude“ gelang uns auch problemlos; der Boden war trocken, und wir wurden während der ganzen Woche von der Sonne verwöhnt. Unangenehm war der darauffolgende Abstieg zur Refuge de
Tighiettu, wo wir übernachteten.
Morgens starteten wir zu unserer bisher längsten Tour: der Besteigung des Monte Cinto (2700m). Angekündigt wurden uns 4 Stunden Aufstieg und 5 Stunden Abstieg zurück ins Ascotal, – wir brauchten jeweils 1 Stunde
länger! Wir kämpften uns mühsam über Geröll und Schotter, der unter den Füßen wegrutschte; misstrauisch aus der Ferne beäugt von einigen
Mufflons. Auf dem Gipfel stürmte es, so dass wir uns bald auf den Rückweg machten, jetzt abwärts über Geröllfelder, später durch das grüne Tighietu-Tal mit kaskadenartigem Wasserlauf, in das wir am nächsten Tag zum Ausruhen zurückkehrten.
Am Montag ging es dann wieder „bergauf/bergab“: 700m hoch auf die „A Muvrella“, von wo man einen herrlichen Rundblick auf die Gipfel und auf die Bucht von Calvi hat. Aber auch die Details haben ihren Reiz: Es
gibt Steine in fast jeder Schattierung, manche mit leuchtend grünen Flechten bewachsen. Als anspruchslose Bodendecker haben sich Wacholder und Berberitzen angesiedelt.
Nach einer letzten Übernachtung in der Gite des Skihotels, verließen wir am nächsten Tag Haut Asco, wanderten über die alte Genueserbrücke unterhalb des Ortes Asco ins Pinaratal, wo wir eine Filmcrew bei der
Arbeit antrafen. Bei den Aufnahmen agierten flintenbehangene, finster aussehende Burschen und ein totes Wildschwein, das morgens mit einem Helikopter angeliefert worden war.
Wir verbrachten die nächste Nacht in der „Luxusgite“ von Calenzana (Doppelzimmer mit eigenem Bad! 14 E p.P.) und den darauffolgenden Mittwoch im „Cirque de Bonifatu“, überquerten zwei schwankende
Hängebrücken, sahen wieder A Muvrella (diesmal von der Nordseite), tranken Tee bei der Carrozzuhütte, trafen auf dem Rückweg einige Mönche (ausgerüstet mit Rosenkranz, Baseballkappe und Handy) und übernachteten
im Forsthaus von Bonifatu (HP 30E; von dort sind es mit dem Auto nur 20 Min. zum Flughafen von Calvi), wo wir zum Abendessen ein sehr gutes korsisches Menü serviert bekamen und unsere Erlebnisse Revue passieren
lassen konnten.
Trotz der phantastischen Landschaft waren es eigentlich die Menschen, die wir unterwegs trafen, die mich am meisten beeindruckten – meist Wanderer auf dem GR 20. Völlig unterschiedliche Typen nehmen diese
Anstrengung auf sich, morgens gegen 6 Uhr aufzustehen und einen mindestens 20kg schweren Rucksack durch die Berge zu tragen. Wir haben sowohl Studenten getroffen, als auch um die 60jährige (erzählt wurde uns von einem 84jährigen Mann, der unterwegs war). Auch wenn man nur
ein Stück des Weges mit weniger schwerem Gepäck in Angriff nimmt, spürt man den Reiz dieser Herausforderung: für einige Zeit ganz in der
Gegenwart zu leben. Die Wegstrecke ist so beschaffen, dass man jede Sekunde konzentriert sein muss, um keinen Sturz zu riskieren; totale Aufmerksamkeit über mehrere Stunden nur unterbrochen durch Rastpausen
und den Blick in die überwältigende Naturkulisse. Es herrscht Ruhe im Kopf und die Probleme der Welt scheinen sehr weit entfernt. In einem Wanderführer von A. Rother heißt es treffend: „In der Einsamkeit dieser
Regionen, wo es keinen anderen Wechsel als jenen der Elemente von Wolken, Nebelmassen, Regen, Hagel, Schnee, Frost, Wind und Sonnenwärme gibt, fühlt man sich am richtigen Ort, um - tief in der Seele - die
Ereignisse des Lebens von neuem durchleben zu können."



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